Mittwoch, 14. Dezember 2011

Altersweisheit

In seiner Rede vor dem Bundestag im September hat Papst Benedikt, mit Blick auf Hans Kelsen, den Protagonisten des Rechtspositivismus, einen herzerfrischenden, selbstironischen und zugleich subtil polemischen Humor an den Tag gelegt: "Es tröstet mich, dass man mit 84 Jahren offenbar noch etwas Vernünftiges denken kann."  Ebendies scheint sich nun auch bei Jürgen Habermas (82) zu bewahrheiten, wenn man Christoph Böhrs Analyse "Habermas' Kehre" in der Tagespost  (13.12.2011)  folgen will.
Man höre und staune: Habermas, der Altmeister des links-liberalen Säkularismus, hat auf seine alten Tage die Menschenwürde entdeckt, auf die er noch vor zwanzig Jahren glaubte verzichten zu können, als er über die Begründung und Rechtfertigung der Menschenrechte in der "deliberativen Demokratie" öffentlich nachdachte.  Heute, in seinem neuen Essay  "Zur Verfassung Europas" klingt das nun ganz anders.  Es geschehen also noch Zeichen und Wunder!  Geht es doch um nichts Geringeres als um als um das in Artikel 1  niedergelegte Fundament unseres Grundgesetzes.
Aber hören wir den Meister selbst:

"Die Menschenwürde bildet gleichsam das Portal, durch das der egalitär-universalistische Gehalt der Moral ins Recht importiert wird. Die  Idee der menschlichen Würde ist das begriffliche Scharnier, welches die Moral der gleichen Achtung für jeden mit dem positiven Recht und der demokratischen Rechtsetzung so zusammenfügt, dass aus deren Zusammenspiel unter entgegenkommenden historischen Umständen eine auf Menschenrechte gegründete politische Ordnung hervorgehen konnte."

Na gut. -  Aber was für eine geschraubte Rhetorik, verbunden mit mechanistisch-lebloser Metaphorik!  Menschenwürde als "Portal" für den "Import", als "Scharnier"?  Menschenwürde: Bauelement, Funktionsteil, Mittel zum Zweck?  Wie muss so ein atheistischer Denker sich das Hirn verrenken, nur um nicht glauben zu müssen!
Ich weiß, man kann Äpfel nicht mit Birnen vergleichen und philosophische Prosa mit hymnischer Poesie nicht leicht auf einen Nenner bringen. Doch ehe ich mir noch mehr Habermas antue, ziehe ich es jetzt vor, in die Bilderwelt  der Psalmen einzutauchen. Die bringen dasselbe Thema zur Sprache  -  aber richtiger und vor allem schöner:

Herr, unser  Herrscher,
wie gewaltig ist dein Name auf der ganzen Erde;
über den Himmel breitest du deine Hoheit aus.
...
Was ist der Mensch, dass du an ihn denkst,
des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?
Du hast ihn wenig geringer gemacht als Gott,
hast ihn mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt.
Du hast ihn als Herrscher eingesetzt über das Werk deiner Hände,
hast ihm alles zu Füßen gelegt.
(Ps. 8)

Wohl dem Mann, der nicht dem Rat der Frevler folgt,
...
sondern Freude hat an der Weisung des Herrn,
über seine Weisung nachsinnt bei Tag und bei Nacht.
Er ist wie ein Baum, der an Wasserbächen gepflanzt ist,
der zur rechten Zeit seine Frucht bringt
und dessen Blätter nicht welken.
(Ps. 1)




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