Samstag, 24. Dezember 2016

Der gestohlene Pfarrer (5)

Erster Teil HIER   -   Zweiter Teil HIER   -  Dritter Teil HIER   -   Vierter Teil HIER


Zur Mitternachtsmesse würde nun auch unten das Münster mit den zwei großen Glocken, die ihm geblieben, dröhnend und frohlockend über die erhellte Stadt hinschallen. ...  Noch einmal kam es dem Priester Johannes so  -  aber nur noch schwach.  Von Zimbel, Geigen und Klarinetten vernahm er nichts mehr.  Er hielt sein Ohr dem dünnen, armen Stimmchen hin, das ihn da rief.  Und sein eben noch stolzes Herz wurde demütig.  Er sagte still in seiner Seele:  Kindlein, du riefest, und ich komme.  Er wusste nun, dass ihn Gott mit dem elenden Glöcklein auf dem elenden Kirchlein in seine Gnade holen wollte.

Und so kam denn um den Priester Johannes eine große, heilige Freude.  Sie leuchtete aus seinen Augen und ging von seinem Antlitz aus, als er den beiden Männern voraus in die Kirche trat.  Ja, sie war arm!  Es fehlten ihr Gestühl, Bänke, es fehlten Kanzel und Orgel  -  aber es fehlte nicht der Altar, und sie strahlte im Licht vieler gelber Wachskerzen, die den Duft des Sommers atmeten und auf die helle Tünche der Wände einen goldenen Schein warfen.  
Und noch etwas sah der Priester, und es traf seine Seele, als sähe er die Mutter daheim in der Kammer:  Sie hatten eine Wiege hingestellt, mit Heu und Stroh warm ausgelegt, und ein hölzernes Kind hineingelegt, das wohl der heiligen Mutter aus dem Arm genommen war.  Nun lag es da in der Armut und Verlorenheit dieser Kirche, noch ärmer als die Menschen, die es umstanden.

Der Priester schritt durch sie hin und durch die Schar der Kinder, rührte im Vorübergehen deren Scheitel an, sah das grenzenlose Wunder ihrer Augen und konnte sich nur schwer von ihnen lösen, um den beiden Männern in die Sakristei zu folgen.  Da fand er wirklich, wessen er bedurfte und was er nicht zu hoffen gewagt hatte:  Kelch und Brot und Wein, und er fand auch das Gewand, alte schimmernde Seide aus der guten, reichen Zeit  -  sie hatten es mit Mühe gehütet wie ihren Augapfel, in eisernen Truhen vergraben, unter Gebälk verborgen und viele Jahre so getan  -  es fehlte ihm nichts!

Wie er nun die Stufen des Altares emporstieg, sich dann wieder zu den Staffeln wandte und über die kleine Schar hinwegsah, über die Köpfe der Männer, Frauen und Kinder, da war ihm, als sei er eben in den Stall von Bethlehem eingetreten, um ihn herum das arme Volk der Hirten, die sich in gläubigem Glück drängten, das göttliche Kind zu sehen und ihm ihre Liebe zu schenken. 

So hob nun der Priester Johannes die Mitternachts-Ucht an.  Alles war von ihm abgefallen. Nichts war er mehr als der Diener Gottes in Armut und Demut Johannes Beiderlinden.  
Und als sie sich nach dem Ende der heiligen Handlung um ihn drängten, die Männer, die Frauen, die Kinder und immer wieder die Kinder  -  als sie ihre Augen zu ihm emporhoben, die Augen, in denen noch das Wunder widerstrahlte und ein stummes Bitten, da wusste er, dass er niemals mehr in den Glanz und das Wohlleben der Welt unten zurückkehren, dass er bleiben würde im Dienst des armen Kirchleins Maria Höh und seiner großen und kleinen Kinder.

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Die beiden Zeichnungen schuf  Johannes Hohmann.




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Allen Lesern und Besuchern dieses Blogs
wünsche ich gnadenreiche Weihnachten 
und Gottes Segen ! 

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Freitag, 23. Dezember 2016

Der gestohlene Pfarrer (4)

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Eine Schneewehe versperrte ihnen den Weg.  Es war nötig, dass die beiden Männer austiegen, um mit ihren Schaufeln die hohe Welle abzutragen.  Ehrwürden Johannes folgte ihnen in den Holzschuhen, die es ihm möglich machten, Fuß zu fassen.  Es fand sich noch ein drittes Gerät.  Er griff zu und half bei dem schweren Werk.

Als sie nach einer Stunde wieder saßen, war schon soviel Vertraulichkeit unter ihnen aufgekommen, dass der Priester lächelnd sagen konnte: "Mit Verlaub, ihr Herren, eure arme Kranke dauert mich ob so vielen Wartens.  Gebe Gott, dass sie unsere Ankunft noch erlebe."

"Sorgt Euch nicht, Ehrwürden", war die mit gleichem Lächeln aus den Bärten gegebene Antwort.  "Vor Mitternacht erwartet Euch die Kranke nicht  -  das Kirchlein Maria Höh und die Gemeinde gleichen Namens!  Und bis dahin hat es noch zwei Stunden Weile. ...  In einer aber, Ehrwürden, werden sie sich in den Huden unten und auf den Einhöfen oben bereit und auf den Weg machen, und in anderthalb Stunden alle aus dem Dorf  -  für das Uchtamt um Mitternacht, das Ihr uns feiert, Ehrwürden!  Zum erstenmal wieder nach sieben Jahren sieht die arme Kranke wieder einen Pfarrer bei sich.  Verzeiht es uns, dass wir Euch aus der Wärme stahlen, wir bitten Euch bei der Liebe des Kindes im kalten Stall, vergebt es uns, den Köhlern vom kalten Berg. ...
Wir raubten Euch für die Mutter Maria Höh und für ihre großen und kleinen Kinder, für die Köhler und Holzer, für die Bauern und Knechte in den Tälern um unseren Berg und für die Hirten in den Huden  -  vor allem aber für die Kinder, die nicht wissen, was sich begibt, wenn ein Priester Gottes an den Altar tritt.  Zürnet uns also nicht länger, dass wir zwei neben Euch, Köhler wie die meisten, des lieben Gottes Räuber wurden."
So sagten sie es ihrem Gast, der sie schweigend anhörte.  Und als er endlich Worte fand, da vernahmen die beiden sein Vergeben aus ihnen und eine zitternde Freude.
"Ihr armen Kinder", sagte er, "so fahrt nun zu."

Sie saßen nun wieder stumm da.  Die Männer hatten noch manches sagen wollen vom Kirchlein oben:  dass da vor Jahr und Tag noch Füchse und Wölfe in seinem Inneren gehaust, nachdem plündernde Haufen seine Schätze geraubt, dass der Schutt bis zu den Fenstern gelegen habe und wie sie es in großer Mühe, aber größerer Liebe wieder hergerichtet.  Aber dass sie nach einem Pfarrer gesucht hätten, das erfuhr Herr Johannes doch, und dass sich keiner fand, solcher Armut oben zu dienen   -  nicht einmal für eine Stunde dieser hochheiligen Nacht, weil es doch an ihnen gebreche überall im Lande und der leeren Kirchen mehr wären, als man wohl an einem Tage zählen könne.  Und darum eben ...
Sie maßen ihn noch einmal scheu.  Er aber lachte nun hell:
"Und darum machtet ihr selbst den Bischof und schicktet einen nach oben."
"Wohl, Ehrwürden Herr Pfarrer, nicht anders ..." 

Sie glitten nun einen ebenen Weg hin.  Die Wälder blieben ein wenig zurück, aber sie füllten das weite Rund in unendlichen Wogen aus   -   ein Meer mit erstarrten weißen Kämmen.  Schmale Senken lagen tief darin eingebettet, das mochten die Wiesen und Äcker sein, die dem Völkchen hier oben Nahrung brachten.  Und da kam ihnen aus der Ferne ein dünnes Scheppern entgegen, nicht unähnlich dem Wetzen einer Sense am Sommertag.
Die beiden Männer rissen die Lammfellmützen von den struppigen Köpfen, bekreuzten sich und sagten in großer Freude:
"Ehrwürden Herr Pfarrer, Maria Höh läutet zum Uchtamt!"

Fünfter und letzter Teil folgt! 


Donnerstag, 22. Dezember 2016

Der gestohlene Pfarrer (3)

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Nach einer Weile wurde ihm von einem der Kerle Antwort, indes der andere ausstieg und zwei neue Gäule anschirrte, die dort wie auf geheimen Befehl bereitstanden.  Den Priester, schon über seinen Alltag hinausgehoben, wunderte es nicht mehr sonderlich, es setzte ihn auch nicht in Erstaunen, dass ihm ein warmer Trunk von unbekannter Hand gereicht wurde.  Überhaupt fühlte er sich mit soviel Sorglichkeit, beinahe mit Liebe umgeben, wie es die Umstände nur eben möglich sein ließen.  Und wie er jetzt im kargen Schein einer Laterne noch einmal die Augen seiner Entführer sah, mochte ihm scheinen, als decke ihre Wildheit ein Maß kindlicher Güte zu, die wiederum im Gegensatz zu aller Rauheit stand, die sie noch immer umgab. 

Als der Schlitten schon wieder entglitt, fragte er abermals: "Wenn's mir die Herren zu wissen täten, wie der Ort heißt, in dem jene Kranke wohnt, die uns durch Nacht und Schnee, durch Einsamkeit und Wildnis ruft, so wollte ich Ihnen danken."
"Maria Höh, Ehrwürden, wenn Ihr die kennt!"
Der Name war ihm wohl schon einmal ans Ohr geklungen.  War das nicht das verlorene Dorf im Walde oben, wo die Berge am höchsten, der Schnee am tiefsten zur Winterszeit lag, sommers aber Salbei, wilde Akelei und Liebfrauenschuh am lieblichsten duften sollten?  Und war das Kirchlein oben am Rande des Himmels nicht einmal eine Wallerstätte gewesen in alter Zeit, zu der sie sich aus den Tälern hinaufgesungen hatten?  So holte es der Priester Johannes Beiderlinden aus seiner Erinnerung.

Es kam nun wieder etwas wie ein Frösteln über ihn in seinen warmen Tüchern, dass man ihn dort hinauftragen wollte in dieser gleitenden Bauernstube, die trotz des hohen Schnees von einem Loch in das andere glitt.  O ja, nun dachte er mit Sehnsucht der warmen Stube in der Propstei.  Er dachte auch daran, dass nun Herr Andreä Gregorius Zimbel, Geigen und Karinetten stimmen ließ für sein Kindelwiegen und alle die andern neuen Lieder, die durch das hohe, helle Haus Gottes in der Stadt zu Ehren des Kindes jubilieren sollten ...

Oh, er hatte viel zu denken, dies und anderes;  denn nun nahm sie der Wald auf, tiefer, schweigender, weißer Wald.  Es ging die Berge steil empor, die Gäule warfen dicke Flocken Schweiß aus und gingen, als zögen sie den Pflug durch schweres Ackerland.  Die schmale Schneise, die sich durch hohe Tannen brach, ließ nur einen Spalt des Himmels sehen.  Der war mit funkelnden Sternen besät und erstrahlte in so wundervoller Pracht, wie der Priester, der lange Jahre der Stadt verhaftet gewesen war, es kaum je gesehen zu haben vermeinte ...
Nur in seiner Kindheit als Bauernbub.  Daran sann er zurück.  Wie nun der Mond seinen Schein in das Flimmern der Gestirne gab, wurde ihm das Gesicht der Männer noch einmal deutlich.  War nicht der eine, der ihm soviel der rauhen Behutsamkeit erwies, nach Art und Bart dem heiligen Sucher dieser Nacht gleich, Sankt Joseph?  So in das Kleid der Armut war wohl auch der Zimmermann aus Nazareth gehüllt.  Und wie nun der Priester diesem Bilde mit der Seele nachschaute und sich dem Geheimnis dieser Nacht hingab, schämte er sich fast seines Gewandes unter der Verhüllung und seiner Sehnsucht, dem Mysterium der Armut, in das sich die Liebe Gottes verbarg, mit Glanz, rauschender Musik und festlichen Menschen in seiner prächtigen Kirche daheim beiwohnen zu wollen.  Hier in der Einsamkeit, die herausgehoben schien aus dieser Welt, kam eine große, fast feierliche Stille zu ihm und in ihn hinein.

Fortsetzung folgt!




Mittwoch, 21. Dezember 2016

Der gestohlene Pfarrer (2)

Ehrwürden Johannes Beiderlinden mochte das den kurzen Weg auf das Münster zu bedenken, und sein Schritt wurde noch beschwingter, obschon sich ihm an der Mauerecke eine Sturmwolke entgegenwarf und soviel Schnee über ihn schüttete, als solle er mit der Albe angetan werden und gleich jetzt den Altar emporsteigen zum heiligen Dienst.  
Eben vor der Kirchenpforte war er damit fertig, die Last abzuschlagen, um wieder in seinem schwarzen Mantel und Rock dazustehen, als er dort einen Bauernschlitten halten sah, einen ungefügen Kasten, der nur aus rohen Stämmen zusammengehauen schien.  Zwei plumpe Gäule verdampften in den Strängen. 
 
Ehe er das noch alles richtig gewahrt hatte, sah er sich schon von zwei Männern in langen Schafpelzen, mit hohen Lammfellmützen auf dem Kopf, umgeben.  In der rauhen Sprache der Wald- und Bergbewohner des Landes im Süden der Stadt gingen sie ihn an: "Ehrwürden wollen geruhen einzusteigen  -  es gilt einer armen Kranken Beistand zu leisten!"
Einer Kranken?  Einer, die allem Anscheine nach nicht zur Münsterpfarre gehörte, wiewohl sie sich bis weit nach draußen erstreckte und in die Dörfer griff?  Diese Art hatte er in der großen Herde alle die Jahre niemals zu Gesicht bekommen.  Das schoss dem Priester Johannes durch den Kopf.  Und so wehrte er denn, an Erfahrungen reich geworden die lange Zeit des Raubens und aller Untagen, die noch immer nicht zu Ende schien:
"Da wäre doch erst ..."
Die Kerle standen ihm schon bedrohlich nahe.  Durch die Schwärze ihrer Bärte funkelten ihn zwei Augenpaare an  -  auch im Schneewehen verging ihr Licht nicht  -  ihre Stimmen aber, obschon sie wie Laute von Bären aus dem Dickicht kamen, waren nicht eigentlich wild und verwegen, sonder mehr rauh und unbeholfen.  Noch einmal hieß es:
"Ehrwürden ...  zu einer armen Kranken ..."
"Wohl, wenn es Gottes Wille ist  -   aber da ist doch erst der Gang in die Kirche nötig, das wisst ihr ..."
Nichts sei nötig, und alles sei besorgt.
So knurrte es ihm Antwort.  Als er sich aber dennoch anschickte, durch die halboffene Pforte zu entweichen  -  der Duft erster Kerzen schlug ihm schon warm entgegen  -   sah er sich gegriffen.  Ehe er es hindern konnte, war er mit mehr Behutsamkeit, als er den beiden zugemutet hatte, in den Schlitten gehoben.  Es war ihm auch aus unerklärlichen Gründen nicht möglich, den Mund zu einem Wort und Schrei aufzutun.  Der eine seiner Diebe schlug auf die Gäule ein, dass sie davonholperten, der andere bewarf ihn mit einem Berg Decken und schickte sich an, als sie schon dahinsausten, ihn darin einzuhüllen, zwang auch seine Füße in ein Paar mit Stroh augelegte Holzschuhe riesigen Ausmaßes und hatte erst Ruhe, als er ihr Opfer versorgt wusste.

So saß nun Ehrwürden Johannes, der Anwärter auf die beste Pfründe im Lande, zwischen den beiden Unheimlichen in der warmen Gefangenschaft, indes der Schlitten ihn in ein Unbekanntes entführte.  Bald lagen die letzten Häuser der Stadt hinter ihnen.  Nun gab es keine Fenster mehr, die noch einen Lichtschein in die Nacht warfen.  Sie tauchten im Schneegewirr und in der Finsternis so völlig unter, dass dem Priester nicht einmal die Richtung deutlich wurde, die sie nahmen.  Es war ihm auch kaum möglich, seine gewalttätigen Fahrer zu befragen, denn der Sturm nahm ihm immer wieder das Wort aus dem Munde.  
Es war, als hätten sie ein Dorf durcheilt, ein zweites wohl auch.  "Wie weit ist es noch bis zu eurer Kranken?" so gelang es ihm endlich zu fragen, als sie nach zwei Stunden irgendwo an einer Scheune oder einem Stall hielten.

Fortsetzung folgt!







Dienstag, 20. Dezember 2016

Der gestohlene Pfarrer

Eine schmale, kaum mehr als dreißig Seiten starke Broschüre fristet seit gut vier Jahrzehnten in meiner Bibliothek ihr unscheinbares, aber keineswegs unbeachtetes Dasein.  Sie wurde irgendwann Mitte der 1960er Jahre vom Schutzengelverein für die Diaspora herausgegeben und enthält vier weihnachtliche Erzählungen unter dem Sammeltitel "Weihnachten in Not und Gefahr".
Da das Heftchen mit Sicherheit längst nicht mehr zu haben ist, verdient zumindest eine von ihnen, hier präsentiert zu werden: "Der gestohlene Pfarrer" von Heinrich Luhmann.
 
Die Erzählung versetzt uns in das siebzehnte Jahrhundert.  
Es ist der Heilige Abend des Jahres 1648, irgendwo im armen, vom großen Krieg zerschlagenen Deutschland.


Da hatten sie diesen Herbst zu Münster und Osnabrück den Frieden ausgerufen.  Es sollte ein Ende sein des Jammers und der Not von dreißig Jahren.  Erst langsam trug sich die Kunde davon in die Städte und Dörfer des weiten Landes.  Das Wort Frieden hatte für die meisten Menschen einen Klang wie der Ton aus einem alten Lied, der vor ewigen Zeiten einmal an ihre Herzen gerührt hatte.  Um seine Wirklichkeit aber wussten sie nicht.  Die Kinder fragten: "Frieden, Mutter, was ist das?  Gehen da nicht mehr alle Tage die roten Fahnen, die Flammen, über den Dächern auf?  Wächst da Korn im Felde, das uns gehört?  Essen wir alle Tage Brot?   Und reißt keiner mehr die Schwester und die Magd aus der Kammer?  Friede, was ist das nur?"
Als es aber gegen Christtag anging, wurden die Fragen seltener im Land.  Da war wirklich das Wunder geschehen, dass die Nächte ruhiger blieben, keine Feuer mehr lohten, dass auf den Tischen Schüsseln standen, aus denen man nehmen und den ärgsten Hunger stillen konnte.  Die Glocken, die im Turmgestühl verblieben waren, gaben anderen Laut als in den dreißig langen Jahren.  Und hier und da in den Städten, die noch ein weniges des alten Reichtums gerettet hatten, stand zur Freude auch etwas wie Festlichkeit auf und breitete gar zagen Glanz in Armut und Elend.
So hielt es auch die Stadt in der Ebene vor den Bergen.  Der Handel hatte sie einst reich gemacht und königlich über das Land in der Runde herrschen lassen.  Ihre Koggen befuhren die Meere, und ihre Frachtwagen zogen schwerbeladen auf allen Straßen.  Nun aber war auch sie ausgeplündert wie der Mann im Evangelium  -  nur dass sie nicht völlig hilflos am Boden lag wie jener.  Ihre Kirchen standen noch und sangen an diesem Christabend Gottes Lob in hallender Einmütigkeit ins Schneetreiben, das sich in der Dämmerung aufgetan hatte.  Die größte in der Mitte, das alte Münster, war besonders gerüstet, das Uchtamt um Mitternacht mit der lange entbehrten Festlichkeit zu begehen.  Der Herr Kantor und Magister Andreä Gregorius hatte ein neu und artig Kindelwiegenspiel in Noten gesetzt, dazu mancherlei löblich und fröhlich Gesang, von Männern und Frauen und Kindern in der Nacht anzustimmen. 
So war es nicht zu wundern, dass einer von des Herrn Propstes Mitbrüdern, Ehrwürden Johannes Beiderlinden, noch einmal hinausschlüpfte, um im Münster nach den letzten Vorbereitungen zu sehen.
Er war nicht mehr eben jung.  Das ließ auch der Mantel erkennen, der seine hohe Gestalt einhüllte.  Unterm Pelzbarett wagte sich das erste Grau seines Haares hervor.  Auch im Eilen war sein Gang nicht ohne stolze Würde, es lebte auch in seinen Augen und um den Mund ein wenig davon.  Es stand ihm wohl schon längst eine eigene Pfründe zu  -  aber mochte er sich von dieser hier, der er lange Jahre gedient hatte, und von dem Stolz des Landes, dem Münster, trennen, zumal sein Vorgesetzter hohen Alters und gebrechlich war  -  ein Greis, dem ein Nachfolger gegeben werden musste? -
Fortsetzung folgt!
 

Montag, 19. Dezember 2016

Weihnachten und das Kreuz

Verwüstete koptische Kirche in Kairo

Weihnachten rückt näher und damit die Versuchung, aus dem Christentum eine Krippenreligion zu machen, nah gebaut an Kitsch, Krempel, Kindlichkeit.  Dabei ist das Christentum auch 2016 gewesen, was es immer sein wird:  Die Religion des Kreuzes.
So Alexander Kissler im Cicero unter dem Titel "Christenverfolgung - Woher rührt unser Desinteresse?"

Bitte HIER weiterlesen.


Samstag, 10. Dezember 2016

Aesop und die Willkommenskultur

Große Literatur ist unsterblich, weil zeitlos gültig und aktuell.
So hat altmod kürzlich einige aktualisierende Betrachtungen (HIER) an Goethes Zauberlehrling geknüpft.

Aesop und der Fuchs (Quelle HIER)

Warum aber sollte obengenanntes Qualitätsmerkmal nicht auch auf ein gemeinhin eher als zweitklassig geltendes Genus wie die Fabeldichtung zutreffen?
 
Da stieß ich letztens mit meinem Oberstufen-Lektürekurs wieder einmal auf eine Tierfabel, die auf Aesop (6. Jhd. v. Chr.)  zurückgeht und die ich in der lateinischen Nachdichtung von Phaedrus (LINK) hiermit vorstelle  (I 19: Canis parturiens, übers. v. Eduard Saenger):



Als eine Hündin werfen wollte, bat sie
um Obdach eine andre; die gewährte
ihr gern die Hütte.  Als sie sie nachher
zurückverlangte, bat die Mutter: "Lass mir
noch kurze Frist, bis meine Jungen laufen!"
Als es soweit war und die andre drängte,
sprach sie:"Jetzt musst du mich und meine Brut
im Kampf bestehn, sonst weich ich nicht vom Fleck."

Bei dem Promythion, der "Lehre", die Phaedrus seiner Fabel voranstellt:

Des Bösen Schmeichelwort birgt stets Gefahr.
Hört nicht darauf, euch warnen diese Zeilen!

findet allerdings der Aktualitätsbezug seine Grenzen.  Denn was heute, im 21. Jahrhundert, "stets Gefahr birgt", ist wohl kaum "des Bösen Schmeichelwort", sondern einzig und allein ein debil-suizidales Gutmenschentum, unterstützt von einer soliden Meinungsdiktatur.




Für die Freunde und Kenner des Lateinischen hier das Original:

Habent insidias hominis blanditiae mali:
quas ut vitemus, versus subiecti monent.
Canis parturiens cum rogasset alteram,
 ut fetus in eius tugurio deponeret,
facile impetravit:  dein reposcenti locum
preces admovit tempus exorans breve,
dum firmiores posset catulos ducere.
Hoc quoque consumpto flagitare validius
cubile coepit.  "Si mihi et turbae meae
par" inquit "esse potueris, cedam loco."