Donnerstag, 27. Dezember 2012

Das Kind





"Kannst du nicht", fragt uns die Gestalt des Kindes, "einmal den Mut bekommen, zu denken, du wärest auch ohne Leistung und Arbeit berechtigt zu leben?  Kannst du nicht mal denken, du selber, deine Person, wäre liebenswürdiger und wertvoller als deine vorweisbaren Taten?  Kannst du dir nicht einfach mal gestatten, an etwas anderes zu denken als daran, was du tun musst und was du zu machen hast? Kannst du nicht einfach mal dich dem Empfinden überlassen, dass du berechtigt bist zu sein?"
So lebt ja doch ein Kind,  und so fragt es schon durch sein bloßes Dasein.  Ein Kind kann man nicht für seine Tüchtigkeit und seine Leistung lieben, es kann ja noch gar nichts, es tut noch gar nichts Nützliches;  ein Kind kann man nicht dafür lieben, dass es etwas Besonderes besäße oder vorzuzeigen hätte,  -  es hat im Gegenteil noch nichts zu eigen;  man muss es schon, wenn man es lieben will, um seiner selbst willen liebhaben.  Das ist das ganze Geheimnis eines Kindes,  dass es uns durch sein bloßes Dasein nötigt, es zu lieben,  und dass es davon lebt, für nichts geliebt zu werden.

Eugen Drewermann




Text:  E. Drewermann: Tiefenpsychologie und Exegese. Bd.I,  Olten/Freiburg i.Br. (4.Aufl.) 1992,  S. 505f

Bild:   "Weihnachten in Alt-Schriesheim"  -  Figuren: Elisabeth Murhard;  Gestaltung: Pfr. Dr. Theodor Seeger +
            Foto: Iris Reinhardt

Kommentare:

  1. Ungewohnte, nein, nicht Worte, ungewohnt der Autor in der Blogozese ... und normalerweise würde ich sagen: Neee, bitte verschone mich damit - aber: Danke für den Text!

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    1. Danke meinerseits für diese Anmerkung und dafür, dass wir uns wohl einig sind, dass es Zensur und Indizierung für bestimmte Autoren in der Blogozese nicht geben darf. Mir persönlich haben einige Schriften Drewermanns viel gegeben, und vor rund dreißig jahren habe ich ihn in zwei Vorträgen als charismatischen Redner erlebt. Erst seit er ein gewisses "Sendungsbewusstsein" entwickelt hat .. nun ja ...
      Übrigens zu obigem Text: Nicht nur zum Weihnachtsevangelium, sondern auch zu Matthäus 18,1ff habe ich noch keine schönere Exegese gelesen!
      Salve!

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