Samstag, 2. Juli 2016

Deutscher Wahnsinn

Lawrence:   Ich beneide die Deutschen um das Wort: Wahnsinn. Es ist ein Dichterwort. Fast ein heiliges Wort.  Auch Leidenschaft. Auch Ehrfurcht. Sehnsucht. Begeisterung.
Harras:   Sie kennen unsere Sprache.
Lawrence  (traurig):  Ich liebe Deutschland.
Harras:  Glauben Sie, dass es noch wert ist, geliebt zu werden?  Trotz allem?
Lawrence:  Sonst würde ich wohl nicht wagen, der Bestie meinen Kopf in den Rachen zu stecken.  Morgen werde ich vielleicht in einem Camp verrotten.  Des deutschen Wahnsinns wegen.
Harras:  Ich hab ihn satt.  Er hat uns zu viele Windeier gelegt.  Das Haus Wahnfried.  Den Größenwahn.  Ach, Buddy  -  wie man sich manchmal sehnt  -  nach einem simplen Volk ohne Wahn- und Aberwitz.  Nach Fußballern, Monteuren, Gummikauern, Kindsköpfen.  Wie man es über hat, die Wichtigkeit, die Bedeutung, den Todesrausch, das gespaltene Innenleben, den faustischen Geldbriefträger, den dämonischen Blockwart.  Die Halbbildung hat uns den Unterleib mit Metaphysik erfüllt und den Kopf mit Darmgasen.  Das Unverdauliche zieht uns hinab. Wir sind eine Nation verstopfter Volksschullehrer geworden, die den Rohrstock mit der Reitpeitsche vertauscht hat, um das menschliche Angesicht zu entstellen. Wolkenjäger und Schindknechte. Ein miserables Volk.
Lawrence:  Ich liebe die Deutschen. ...

 Carl Zuckmayer:  Des Teufels General,  Zweiter Akt



Annotatiuncula:  Wenn nicht alles täuscht, ist es die verhängnisvollste Verirrung des deutschen Zeitgeistes im 21. Jahrhundert, zu wähnen, man sei dem "deutschen Wahnsinn" mittlerweile entronnen.









Kommentare:

  1. Wie gut, mal wieder den Namen Zuckmayer zu lesen und dann gleich diese treffliche Stelle aus "Des Teufels General".
    An die fünfzig Jahre ist es her, dass das Stück als Film mit Curd Jürgens im Fernsehen gelaufen ist. Habe das Stück dann auch gründlich gelesen - und doch war mir diese Lawrence-Szene gänzlich entfallen.
    Also erinnern, erinnern, wiederholen, wieder - holen.
    Erinnern möchte hier auch an die "Henndorfer Pastorale".
    Ein kleines, ganz nüchternes Stück Prosa, und doch fast wundersam, wie da im schwindenden Wahn der Friede sich gründet und wächst.
    Auf die Versöhnung kam es Zuckmayer an, nicht auf die Konservierung des Entsetzlichen oder Fixierung der Menschen auf ihre Verfehlungen.
    Man denke auch an den Briewechsel mit Mira Seidel, Schwester der Ina Seidel, welch letztere wir doch fast widerstandslos erst zur Unperson haben machen und dann verschwinden lassen.
    Zuckmayer war ein großer Schriftsteller - und ein prächtiger Bursche. Schön, ganz unverhofft, beim Hin- und Widerschweifen auf ihn zu stoßen.

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    1. Dankeschön für Ihren Beitrag (d'accord!) und herzlichen Gruß!

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