Donnerstag, 21. Dezember 2017

Das Lächeln des Guten Hirten (2)


[Annotatiuncula nachträglich:  Mag sein, dass das Motiv des Guten Hirten in Bezug auf Weihnachten etwas unpassend erscheint.  Dennoch ist die Erzählung wert, hier präsentiert zu werden, und sie wird für sich selbst sprechen.]


Erster Teil HIER


"Nichts mehr zu essen",  sagte sie schroff.
Niemand regte sich.
Großvater Piazza schüttelte es in einem Hustenanfall,  und sie sah einen roten Flecken auf seiner Hand.  Ein Kind wimmerte und versteckte sein Gesicht im Rock seiner Mutter.  Schwester Angela räusperte sich nervös.  "Geht ins Gotteshaus", sagte sie mit ihrer geduldigen dünnen Stimme.  "Betet zu ihm   -   und glaubt.  Morgen wird sicher etwas kommen."
Schwester Magdalena verzog den Mund.  Sie hätte hinüberlangen und etwas Vernunft in Schwester Angela prügeln mögen.  Jawohl, und wenn nichts kommt?  Die Menschen auf Wunder hoffen lassen,  das ist es, was den Glauben unterhöhlt!

Der Vater des Kindes, das seine Nase am Rock der Mutter abwischte, sagte mit leiser Stimme:  "Es wäre zu jeder Zeit hart, Sorella, aber zu Weihnachten sollten die Kinder etwas Freude haben."
Madre mia!  Man möchte meinen, sie stünde mit dem lieben Gott auf Duzfuß, so dass sie ihn nur am Ärmel zu zupfen brauchte, und er würde Essen herunterfallen lassen!  Sie ärgerte sich, dass sie einen Klumpen in der Kehle spürte, als der Vater das Kind aufhob und sein Gesicht dicht vor ihres hielt.

"Es ist ein Bissen Essen im Hause", sagte sie kühl und geschäftsmäßig.  "Ich gehe, es holen."
Die Augen leuchteten hoffnungsvoll auf, als sie sie durch die Klasse auf die Küche zugehen sahen.  Ihr schwarzes Habit raschelte, die weißen Flügel ihrer Haube wippten tatkräftig auf und nieder.
Als sie zurückkam, hielt sie eine einzige Kartoffel in der Hand   -  nicht größer als ein Gänseei.
"Der Pater hat sie von einer Reise mitgebracht", sagte sie.  "Sie gibt eine gute Suppe   -   für einen von euch.  Wir werden die Namen auf ein Papier schreiben.  Wessen Name gezogen wird, bekommt die Kartoffel.  Suchen Sie Papier und Bleistift", wandte sie sich an Schwester Angela.

Schwester Angela huschte im Zimmer herum, fand eine alte Nummer des Kirchenblattes und riß Streifen von seinem Rand ab.
"Den Korb", sagte Schwester Magdalena und zeigte auf die Ecke, wo der Kollektenkorb mit seinem langen Griff  seit dem Tag an der Wand lehnte, als der Pater ihn dort hingestellt und gemeint hatte, sie könnten ihn ebensogut als Nähkorb benutzen. 
Schwester Magdalena ging zum Tisch, nahm Schwester Angela den Bleistift ab und klopfte scharf damit auf die Tischplatte.  "Kommt her!"  Wie geduldige Schafe gehorchten sie dem Befehl stillschweigend.

Sie schrieb den Namen des alten Mannes auf das erste Los.  "Sieh her, Nonno, dein Name.  Wirf ihn in den Korb."  Sie füllte zwei Zettel für die junge Frau mit dem Säugling aus.  "Für dich und den Bambino", sagte sie.
"Nun ein Zettel für Rosa", sagte Schwester Magdalena fest.  Giuseppe kam als nächster.  "Lassen Sie mich selber, Sorella", sagte er, nahm den Bleistift, beugte sich über den Tisch und schrieb ernsthaft und sorgfältig seinen Namen mit der linken Hand.
Schwester Magdalena nickte.  "Es geht schon viel besser, Giuseppe."  

Der letzte Name lag schließlich im Korb, und die kleine Gruppe trat zurück an die Wand.  Schwester Magdalena mischte die Zettel mit dem Bleistift durcheinander und wandte sich an Schwester Angela.  "Sie ziehen!"
Schwester Angela glitt zum Tische.  Ihre Hand stahl sich wie eine weiße Taube aus ihrem Ärmel  und flatterte über dem Korb.  Das Stillschweigen war so tief,  dass es war, als ob Großvater Piazzas rasselnder Atem die Sekunden zählte.
Die Hand senkte sich.  Die Schatten an der Wand beugten sich ängstlich vor.  Die Zettel raschelten auf einmal, wie von der Erwartung angezogen, nach oben.  Schwester Angelas Ärmel bewegte sich in einem Windstoß.  Die Hand blieb in der Luft stehen.  Die Schatten wandten sich um.


(Fortsetzung folgt)

 

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