Freitag, 27. April 2012

Dienst an der Wahrheit

An den Hl. Bruder Konrad wurde am vergangenen Samstag an dieser Stelle erinnert, den Bauernsohn aus Niederbayern, den von jeher das einfache Landvolk besonders verehrt hat.
Nur zwei Stationen hatte Bruder Konrads Leben: Parzham, seinen Geburtsort unweit von Passau, und Altötting, wo er im Kapuzinerkloster einundvierzig Jahre lang, beinahe bis zum letzten Tag seines irdischen Daseins, dem 21. April 1894, den Dienst des Pförtners versah. Ein stilles, innerliches, ganz unauffälliges Leben. Aber welche Leuchtkraft muss von ihm ausgegangen sein!

Kein größerer Gegensatz zu Bruder Konrad, dem rein äußeren Lebensbild nach, lässt sich denken als der Heilige des heutigen Tages: Petrus Canisius.


  
Als erster Deutscher wurde er im Jahre 1543 in die Societas Jesu aufgenommen, was den Beginn eines beispiellosen Wirkens markiert, eines Lebens im Dienst der Katholischen Reform, also des Wiederaufbaus der Kirche nach den Stürmen der Reformation, in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Für diese Leistung hat man ihm den Ehrentitel "Zweiter Apostel der Deutschen" (nach dem Hl. Bonifatius) zuerkannt  -  für die Protestanten natürlich ein Ärgernis.
Tausende von Kilometern hat Petrus Canisius in diesem halben Jahrhundert  auf Reisen zwischen Italien, Österreich,  Polen, den Niederlanden, der Schweiz  und eben dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation zurückgelegt.  Er war tätig als Berater beim Konzil von Trient, als Berater von Bischöfen und Fürsten, darunter Kaiser Ferdinand I., als Gründer der Jesuiten-Kollegien von München, Würzburg und Innsbruck, als Organisator und Leiter der Oberdeutschen Ordensprovinz, als Administrator der Diözese Wien. Daneben hielt er Predigten in zahlreichen Städten, Vorlesungen an den Universitäten Wien und Ingolstadt und verfasste drei Katechismen. 
Im Jahr der Heiligsprechung  1925  schrieb  P. Peter Lippert SJ*:   
Welch ein Mensch war denn also Petrus Canisius persönlich, innerlich, in seiner intimsten Menschlichkeit? Da stehen wir zunächst vor einem großen Dunkel, ja man möchte fast sagen, vor dem Nichts. Es gibt wohl wenig Beispiele wie dieses, wo die Menschlichkeit, die Persönlichkeit so vollständig aufgeht im Werk. Petrus Canisius ist sein Lebenswerk. Seine Arbeiten und Leistungen verdecken ihn nicht bloß, sie scheinen ihn gänzlich aufzuzehren, so dass nichts mehr übrigbleibt, wenn wir diese Leistungen aussondern.

Und P. Roman Bleistein SJ interpretierte 1980 die Botschaft des Heiligen an unsere Zeit wie folgt*:
Die Radikalität dieses Aufgehens im Dienst und dieser Weggabe an die objektive Wahrheit ist für den heutigen Menschen unverständlich.  Sie provoziert ihn, weil er oft nur eines kennt:  sich  - und deshalb wird für ihn nur wesentlich:  sein subjektiver Zugang zur Wahrheit, sein persönliches Leben in der Kirche, sein je neuer, individueller, lebenslang sich verändernder Vollzug des Glaubens. So schön und wichtig dieser personale Glaube auch ist  -  er gerät dort an seine Grenzen, wo er vor lauter Spitzfindigkeiten und Ängstlichkeiten nicht mehr die herausfordernde Härte der christlichen Botschaft zu realisieren vermag ("Diese Rede ist hart." Joh 6,60), wo er seine Kritik an der Kirche nicht zuerst am Anspruch der Kirche, sondern an der subjektiven Vorliebe seiner Lebenserfahrungen misst. Damit aber löst sich der Glaubensgehorsam in jene leidvolle Beliebigkeit des modernen Menschen auf, die das Bleibende verliert, um das Wechselnde festzuhalten.
Ist es möglich, diesem Subjektivismus, der am Ende doch mehr Freiheit gefährdet als bringt, zu entkommen?  Wird ein Plädoyer für den Vorzug der objektiven Wahrheit und der Institution überhaupt verstanden?  Vielleicht hilft diese Einsicht weiter: Der Mut zur Sache Jesu wird dort am glaubwürdigsten, wo er zugleich der Mut zur Sache der Kirche ist; denn Jesus ist Mensch geworden, auch und gerade in einer menschlichen Kirche. Damit aber ist der Gläubige aufgefordert, sich wegzugeben in die Wahrheit, die ja nicht zuerst die seine ist (ist sie doch als Offenbarungswahrheit die Wahrheit Gottes), und sich einzulassen mit einer Gemeinschaft, die nicht nach ihm heißt (als Gemeinschaft Müller oder Huber  -  man könnte hier auch ganz aktuelle Namen von heutigen Theologen einsetzen!), sondern die Gemeinschaft Jesu, also Kirche Jesu Christi heißt.
Haben wir die Botschaft verstanden?

Lassen wir zum Schluss diesen großen Heiligen selbst zu Wort kommen*, in seinem Geistlichen Tagebuch (2. September 1549):
Du weißt, o Herr, wie sehr und wie oft Du mir ... Deutschland anvertraut hast, für das ich beständig Sorge trage und all meine Kräfte einsetzen sollte.  Mein Verlangen war, für Deutschland zu leben und zu sterben ...
Dieses Land, scheint mir, hat den Beistand seines Zweiten Apostels derzeit so nötig wie selten zuvor.  Bitten wir ihn darum.



*Zitate nach: Deutsche Glaubenszeugen, hg.v. E. Spath, Freiburg/Br. 1980
Bildquelle: Link


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen