Montag, 2. April 2012

Fortschritt

Die Geschichte wird nicht von den Menschen gemacht: Die Menschen sind der Geschichte unterworfen, wie sie der Geographie unterworfen sind. Übrigens ist die Geschichte mit der Geographie funktionell verbunden. 
Die Menschen versuchen, die Geographie zu verbessern, indem sie die Berge durchbohren und die Flüsse umlenken, und indem sie so tun, bilden sie sich ein, der Geschichte einen anderen Lauf zu geben, ändern aber schon gar nichts, weil eines schönen Tages alles zugrunde gehen wird. Und die Gewässer werden die Brücken verschlingen und die Dämme durchbrechen und die Gruben überschwemmen; die Häuser und die Paläste und die Hütten werden einstürzen, und das Gras wird aus den Ruinen wachsen, und alles wird wieder zu Erde. Und die Überlebenden werden mit Steinwürfen gegen die Tiere kämpfen müssen, und die Geschichte wird wieder beginnen.
Die übliche Geschichte.
Und dann, nach dreitausend Jahren, werden sie unter vierzig Meter Schlamm einen Wasserhahn und eine Fiat-Drehbank entdecken und sagen: "Schau dir das nur einmal an!"
Und sie werden sich schrecklich bemühen, dieselben Dummheiten der vergessenen Vorfahren zustande zu bringen. Weil die Menschen  unglückliche Geschöpfe sind, zum Fortschritt verurteilt, und dieser Fortschritt sie unvermeidlich verleitet, den alten Gottvater durch funkelnagelneue chemische Formeln zu ersetzen. Und so wird zum Schluss dem alten Gottvater die ganze Sache lästig, er bewegt um ein Zehntelmillimeter das letzte Glied des kleinen Fingers seiner linken Hand, und die ganze Erde fliegt in die Luft.



 

Text: Giovannino Guareschi, Mondo Piccolo Don Camillo. Salzburg 1950 (übers. v. A. Dalma)
Zeichnung: Giovannino Guareschi, aus: Don Camillo e Peppone. Racconti scelti. Stuttgart 2008 

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