Dienstag, 16. April 2013

Zwischen Wasser und Urwald


Heute vor genau einhundert Jahren, am 16. April 1913, betritt der achtunddreißigjährige Albert Schweitzer, protestantischer Theologe, Prediger, Philosoph, Musiker und Arzt aus dem damals reichsdeutschen Elsass, begleitet von seiner Frau Helene, geb. Breßlau, zum ersten Mal afrikanischen Boden.  Eine einzigartige Biographie steht an ihrem Wendepunkt.  Für die nächsten zweiundfünfzig Jahre, bis zu seinem Tod, wird Schweitzer als der legendäre "Urwald-Doktor von Lambarene" in seinem von ihm aufgebauten Hospital wirken, in der damaligen französischen Kongo-Kolonie (Gabun) in Äquatorial-Afrika. Und dafür hat er nicht weniger aufgegeben als die gesicherte Existenz eines renommierten Universitätslehrers und Konzert-Organisten !

Seine afrikanischen Erinnerungen veröffentlichte er, der auch ein begnadeter Erzähler war, unter dem Titel "Zwischen Wasser und Urwald".



Lambarene, Bootsanlegestelle am Ogowe-Strom, 1954



Sein Lebenswerk im Dienst an den Ärmsten der Armen hat Schweitzer immer als radikale und kompromisslose Christus-Nachfolge verstanden, auch wenn er, der überaus eigenwillige, unabhängige Denker, sich genötigt sah, diesen Weg der gelebten Nächstenliebe ethisch-kulturphilosophisch zu begründen - wofür er die berühmte Formel "Ehrfurcht vor dem Leben" gefunden hat -  und sich in seinen späteren Jahren der Position eines fast agnostischen Humanismus annäherte und auch weithin in diesem Sinn verstanden und rezipiert wurde.
Aber auch aus katholischer Sicht muss all dies der singulären Ausstrahlung dieses Lebens keinen Abbruch tun.  Zu dem, was ich meine, möchte ich Helmut Thielicke zitieren, der zum neunzigsten Geburtstag Albert Schweitzers am 14. Januar 1965 in der WELT  folgendes schrieb:

 Unsere Jugend, die in ihrer Substanz beglückend gesund und gerade geblieben ist, möchte verehren wie eh und je. Auch sie hat Fackeln, die sie gerne entzünden möchte.  Aber sie besteht aus gebrannten Kindern, und sie weiß, wenn der Bildersalat, der täglich von Plakatsäulen und aus Magazinen auf sie einquillt, nur eine Spur von Aussagekraft hat, dann gibt es wenig oder gar nichts, was in dieser Welt den Anspruch erheben kann, ernst genommen zu werden.
Diese Stimme des Predigers aus dem Urwald aber ist anders.  Ihr kann man glauben, weil Aussage und Existenz kongruent sind.  Es ist das Wunder der Glaubwürdigkeit, das sich hier ereignet.  Man braucht nichts zu idealisieren, und man kann den alten Mann mit Gebrumm und Launen und Absonderlichkeiten lassen, wie er ist.  Man braucht auch nicht alles nachzusprechen, was er sagt (sofern man es überhaupt versteht):  die Kongruenz, die Kongruenz ist die Pointe dieses Lebens.      (Hervorh. v. Sev.)


Gebe Gott, wir könnten auch heute, nach fünf Jahrzehnten, noch solche "Fackeln entzünden" ...




Textzitat nach:  H. Steffahn, Albert Schweitzer. rororo-bildmonographien 263 (1988)

Bilder:   (Lambarene:)  LINK
(Porträt:)  Albert Schweitzer: Glaube.  Bern/Stuttgart2. Aufl. 1984  (Titelbild)




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