Freitag, 20. Januar 2012

Form und Inhalt

Ich bekenne mich offen zu der naiven Schar, die aus der Oberfläche, der äußeren Erscheinung auf die innere Beschaffenheit und womöglich Wahrheit oder Verlogenheit einer Sache schließt. Die Lehre von den "inneren Werten", die sich in schmutziger, verkommener Schale verbergen, kommt mir nichr geheuer vor.  Dass die Seele dem Körper die Form und das Gesicht, seine Oberfläche verleiht, glaubte ich schon, als ich noch nicht wusste, dass dieser Satz eine Definition des kirchlichen Lehramtes war. Mit mediterraner Primitivität glaube ich, dass eine unwahre, verlogene, gefühllose Sprache keinen Gedanken von Wert enthalten kann. Was für die Kunst gilt, muss in noch viel höherem Maß jedoch das öffentliche Gebet der Kirche treffen; wo das Häßliche sonst nur auf das Unwahre schließen lässt, bedeutet es im Bereich der Religion die Anwesenheit des Satanischen.
 Martin Mosebach, Häresie der Formlosigkeit


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