Samstag, 14. Januar 2012

Islam, Historie und p. c.

Die islamische Welt des Mittelalters war über weite Strecken der abendländisch-christlichen Welt kulturell überlegen. Im islamischen Kulturraum entdeckte man die Weisheit der alten griechischen Philosophie und Wissenschaft zu einem Zeitpunkt wieder (8. bis 12. Jahrhundert), wo man in Europa in finsterer Barbarei verharrte.  Nur durch die Vermittlung der muslimischen Araber konnten die Abendländer im 12. Jahrhundert zum ersten Mal wieder mit diesem Wissen in Kontakt kommen. -  So will es eine weit verbreitete Lesart der europäischen Geistesgeschichte.
Doch es war anders: das christliche Abendland war nicht darauf angewiesen, sein eigenes griechisches Erbe aus den Händen der muslimischen Araber als milde Gabe zu empfangen. Und die Muslime selbst waren auf Christen angewiesen, die ihnen diese Schätze zugänglich machten. So könnte man zwei der wichtigsten Hauptthesen von Sylvain Gouguenheims Buch "Aristoteles auf dem Mont Saint-Michel. Die griechischen Wurzeln des christlichen Abendlandes" formulieren. Der Autor ist Mediävist an der Universität Lyon.

Soweit die Buchbesprechung von Clemens Schlip in der Tagespost vom 28.12.11: "Syrische Christen lasen das griechische Original."  (Direkt-Link leider nicht möglich)

Und was hat das alles mit political correctness zu tun?
Bei seiner Ersterscheinung in Frankreich 2008 rief das Buch kontroverse Reaktionen hervor. Eine Petition von Dozenten und Studenten der Universität Lyon  sowie ein in der Tageszeitung "Liberation" veröffentlichter Protest von 58 Historikern richteten sich gegen Gouguenheim, dessen Buch andernorts dagegen - besonders auch bei Katholiken -  großen Anklang fand. Diese geteilte Aufnahme hat wohl den Verlag der deutschen Ausgabe bewogen, dem von gewissen Kreisen scharf attackierten Titel gewissermaßen als "Gegengift" einen kritischen Kommentar der Mediävisten Martin Kintzinger und Daniel König anzufügen, der sich von den Thesen des Franzosen weitgehend distanziert.
Damit dürfte die obige Frage beantwortet sein. 
Wie kann man auch nur mit so wenig Feingefühl ein etabliertes Geschichtsbild aus den Angeln heben, in dem sich die herrschende Zeitgeist-Ideologie so bequem eingerichtet hat, eine Ideologie, die vorauseilende Anbiederung an den Islam mit geradezu pathologischem Hass auf das eigene, das christliche Erbe Europas verbindet.
Immerhin gebührt, trotz allem, der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft in Darmstadt Anerkennung für die deutsche Edition des Buches von Sylvain Gouguenheim.


   

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